Revitalisierungsprojekte: Brücken zwischen urbanem Wachstum und Lebensräumen

Erschreckende 46 Prozent der Fliessgewässer im Schweizer Flachland weisen eine schlechte Struktur auf. Die Revitalisierung dieser degradierten Wasserläufe ist deshalb nicht nur ein umweltpolitisches Ziel, sondern eine dringende Notwendigkeit für unser Ökosystem. Tatsächlich können in der Schweiz 10.800 Kilometer beeinträchtigte Fliessgewässer zu wertvollen, attraktiven Lebensräumen aufgewertet werden.

Was bedeutet Revitalisierung eigentlich? Im Kern geht es um die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume, die Verbesserung der Eigendynamik und die Förderung der Strukturvielfalt von Gewässern. Diese Massnahmen sind ein zentraler Bestandteil des revidierten Gewässerschutzgesetzes. Während die Umsetzung solcher Projekte eine Mehrgenerationenaufgabe darstellt und etwa 80 Jahre in Anspruch nehmen wird, zeigen bereits durchgeführte Projekte beeindruckende Erfolge: Schon ein Jahr nach der Aufwertung war die Fischbiomasse deutlich höher als zuvor.

In diesem Artikel beleuchten wir die Bedeutung von Revitalisierungsprojekten als Brücken zwischen urbanem Wachstum und natürlichen Lebensräumen. Wir betrachten Beispiele wie das Engagement von STIEBEL ELTRON Schweiz, die innerhalb von 5 Jahren 10 Kilometer Gewässer revitalisiert haben, und erklären, warum solche Initiativen für Mensch und Natur gleichermassen wertvoll sind.

Was bedeutet Revitalisierung im urbanen Kontext?

Die Umwandlung von vernachlässigten Stadtgebieten und degradierten Naturräumen ist in modernen Ballungszentren zu einer zentralen Herausforderung geworden. Doch was verbirgt sich genau hinter dem Begriff der Revitalisierung im städtischen Umfeld? Ein Blick auf die verschiedenen Dimensionen dieses Konzepts zeigt, wie wichtig diese Massnahmen für nachhaltige Stadtentwicklung sind.

Definition: Was ist Revitalisierung?

Im städtebaulichen Kontext bezeichnet Revitalisierung eine Sanierungsmassnahme, bei der historische Bausubstanz so umgestaltet wird, dass eine zeitgemässe Nutzung möglich wird, während das charakteristische Erscheinungsbild erhalten bleibt. Sie geht dabei weit über eine reine Sanierung hinaus und umfasst strategische Massnahmen, die Gebäude und Areale wieder wettbewerbsfähig machen.

Die Revitalisierung von Innenstädten zielt darauf ab, das soziale, wirtschaftliche und ökologische Leben in Stadtzentren durch die Einführung neuer Strukturen und die Renovierung bestehender Räume zu verbessern. Dabei werden oft auf traditionelle Handwerkstechniken spezialisierte Fachleute eingesetzt, was diese Berufszweige gleichzeitig arbeitsmarktpolitisch fördert.

Revitalisierung von Gewässern und Brachflächen

Bei Gewässern bezeichnet Revitalisierung laut Gewässerschutzgesetz bauliche Massnahmen zur Wiederherstellung der natürlichen Funktionen eines verbauten oder korrigierten oberirdischen Gewässers. Diese Massnahmen tragen zur Wiederherstellung naturnaher Lebensräume bei und bringen ökologische Prozesse wieder in Gang.

Parallel dazu versteht man unter Flächenrecycling die Wiederverwendbarkeit von Brachflächen. Urbane Brachen werden zunehmend als Chance gesehen, um mit neuen Nutzungen Quartiere interessanter, lebenswerter und attraktiver zu gestalten. Die Reaktivierung solcher Flächen bietet ein enormes Potenzial für die Stadtentwicklung und kann ganze Stadtteile aufwerten.

Warum urbane Räume besonders betroffen sind

Als Folge des wirtschaftlichen Strukturwandels werden Wirtschaftsstandorte in den Kernbereichen der Städte aufgegeben. Der abnehmende Flächenbedarf durch veränderte Technologien und Produktionsprozesse bestimmt aktuelle Schrumpfungsprozesse, während viele Siedlungsstrukturen auf diesen Wandel nur unzureichend reagieren können.

Gleichzeitig macht die Knappheit verfügbarer innerörtlicher Flächen sowie die Vorgaben für minimale Bodenversiegelung eine Revitalisierung notwendig. Die verstärkte Nutzung vorhandener Entwicklungspotenziale wie Brachflächenrecycling und Nachverdichtung sind deshalb wesentliche Elemente einer nachhaltigen Ortsentwicklung.

Durch den demografischen Wandel werden auch Einfamilienhausgebiete zu einem wichtigen Handlungsfeld für die Innenentwicklung und das Flächensparen. Hier sind passgenaue Lösungsansätze gefragt, die eine Revitalisierung dieser älteren Gebiete und gleichzeitig eine Verringerung von Neuausweisungen auf der „grünen Wiese” erreichen.

Ursachen für den Verlust natürlicher Lebensräume

Der massive Eingriff des Menschen in natürliche Gewässer und Landschaften hinterlässt deutliche Spuren in unseren Ökosystemen. In Europa wurden unzählige Flüsse durch menschliche Interventionen stark verändert, was weitreichende Folgen für die Umwelt nach sich zieht.

Begradigung und Verbauung von Flüssen

Die Flussbegradigung verschlechtert die Gewässergüte auf zweierlei Weise. Erstens führt sie zu schnelleren und stärkeren Pegelanstiegen stromabwärts, da Nebenflüsse ihr Hochwasser durch die erhöhte Fliessgeschwindigkeit synchron in den Unterlauf abgeben. Zweitens fehlen in der Regel die Flussauen als natürliche Überschwemmungsflächen, die Wassermassen aufnehmen könnten. Eine Studie des EU-Forschungsprojekts AMBER zeigt, dass Europas Flüsse massiv durch Querbauwerke zerschnitten sind – insgesamt 1,2 Millionen Barrieren, davon rund 225.000 in Deutschland. Durch Begradigungen erhöht sich ausserdem das Gefälle des Flusses, was zu Tiefenerosion führt und Ufer sowie Bauwerke gefährdet.

Flächenversiegelung durch Städtebau

In Deutschland sind etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt. Diese Versiegelung bedeutet, dass Böden luft- und wasserdicht abgedeckt werden, wodurch Regenwasser nicht oder nur erschwert versickern kann. Insgesamt hat in den 30 Jahren von 1992 bis 2023 die Bodenversiegelung um 5.594 km² zugenommen. Besonders problematisch: Die Urbanisierung erfolgt in der Regel zu Lasten fruchtbaren Ackerlandes, denn die Ausbreitung der Städte findet vor allem auf Flächen mit den besten Böden statt.

Folgen für Biodiversität und Wasserqualität

Die ökologischen Auswirkungen sind gravierend. Flussbegradigungen werden negativ bewertet, weil sie das Ökosystem eines Fliessgewässers beeinträchtigen, verkleinern oder sogar vernichten. Viele in Flüssen oder angrenzenden Auen lebende Tierarten wie Fische, Otter und Wasservögel verlieren durch diese Eingriffe ihren Lebensraum. Gleichzeitig führt die Bodenversiegelung zu einer massiven Beeinträchtigung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Darüber hinaus wird das Kleinklima negativ beeinflusst: Versiegelte Böden können kein Wasser verdunsten und tragen im Sommer nicht zur Kühlung der Luft bei. Die steigenden Temperaturen in Gewässern verändern zudem natürliche Prozesse – wie den Sauerstoffeintrag ins Tiefenwasser – mit weitreichenden Folgen für die Gewässerbiologie.

Revitalisierungsprojekte als Lösung

Praktische Massnahmen zur Wiederherstellung natürlicher Gewässer zeigen bereits beeindruckende Erfolge. Während der Verlust von Lebensräumen voranschreitet, entstehen gleichzeitig innovative Konzepte für die Revitalisierung degradierter Ökosysteme.

Beispiel: STIEBEL ELTRON und 10 km Gewässeraufwertung

STIEBEL ELTRON Schweiz beteiligt sich an einem fünfjährigen Revitalisierungsprojekt, bei dem 10 Kilometer Gewässerlebensraum aufgewertet werden sollen. Das Besondere: Mit dem Kauf einer STIEBEL ELTRON-Wärmepumpe werden automatisch 100 cm revitalisierter Gewässerlebensraum finanziert. Die Ergebnisse sind messbar – bereits ein Jahr nach der Aufwertung war die Fischbiomasse deutlich höher und bei gefährdeten Fischarten konnte eine Zunahme im Bestand festgestellt werden. Infos unter https://www.stiebel-eltron.ch/de/home/unternehmen/stiebel-eltron-schweiz/revitalisierung.html

Instream-Massnahmen: Faschinen, Kies, Wurzelstöcke

Die Grundidee des “Instream Restaurierens” besteht darin, Fliessgewässer durch einfache, kostengünstige Massnahmen im bestehenden Bett ökologisch aufzuwerten. Besonders wirksam sind dabei:

  • Wurzelstöcke: Mit kurzem Stammansatz im Ufer eingegraben, bieten sie Fischunterstände und schützen das Ufer
  • Faschinen: Bündel von abgestorbenen oder noch austreibenden Holzruten, die kreuzweise mit Pflöcken befestigt werden
  • Totholz: Schafft wertvolle Strukturen, liefert Nährstoffe für Insekten und bietet Unterschlupf für Fische

Diese Strukturen fördern die Vielfalt an Wassertiefe und Fliessgeschwindigkeit, wodurch unterschiedliche Habitate entstehen. Darüber hinaus kann Kies eingebracht werden, um Laichplätze für Fische zu schaffen.

Rolle von Freiwilligen und lokalen Vereinen

Besonders bemerkenswert ist die Einbindung lokaler Akteure. Die praktische Umsetzung erfolgt häufig durch Fischereivereine und Freiwillige, die mit einfachen Mitteln und viel Handarbeit verschiedene Projektmassnahmen umsetzen. Allein durch das Riverwatch-Projekt des WWF engagieren sich seit 2005 mehr als 400 Riverwatcher für einen Gewässerabschnitt und melden positive und negative Veränderungen. Diese lokale Beteiligung erhöht nicht nur die Akzeptanz der Massnahmen, sondern ermöglicht auch eine kontinuierliche Überwachung der revitalisierten Abschnitte.

Revitalisierung von Brachflächen in Städten

Im urbanen Kontext bietet die Revitalisierung von Brachflächen erhebliche Potenziale. Massnahmen der nachhaltigen Flächennutzung und Revitalisierung stellen für die Stadtentwicklung grosse Chancen dar. Für den Transformationsprozess ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Flächeneigentümern, Behörden, Entwicklern und der Stadtbevölkerung entscheidend. In Deutschland wird zudem eine nachhaltige Siedlungspolitik verfolgt, die einen sparsamen Umgang mit Grund und Boden vorsieht und die Neuinanspruchnahme auf 30 ha/Tag reduzieren will.

Mehrwert für Mensch, Natur und Stadtentwicklung

Revitalisierungsprojekte liefern weitreichende Vorteile, die über die reine Wiederherstellung natürlicher Zustände hinausgehen. Sie schaffen einen Mehrwert, der sowohl für ökologische als auch gesellschaftliche Belange bedeutsam ist.

Förderung der Biodiversität

Die Biodiversität bildet eine wichtige Grundlage unserer Wohlfahrt. Laut aktuellen Erhebungen sind 35% der bewerteten Arten in der Schweiz als ausgestorben oder gefährdet eingestuft. Gleichzeitig gelten 48% der bewerteten Lebensräume als gefährdet. Revitalisierungsprojekte wirken diesem Trend entgegen. In Biel konnte beispielsweise die Anzahl der Fischbrütlinge nach der Revitalisierung der Schüssinsel im Vergleich zu vorher im Mittel verdreifacht werden.

Hochwasserschutz und Klimaanpassung

Begradigte Gewässer leiten das Wasser sehr schnell an tiefergelegene Gebiete weiter, was gefährliche Hochwassersituationen verursacht. Darüber hinaus sorgt der Klimawandel für häufigere Starkniederschläge. Naturnahe Fliessgewässer und Auen hingegen schützen vor Hochwasser, da sie durch ihre Flächen mehr Wasser zurückhalten und Abflussspitzen auffangen können.

Erholungsräume für die Bevölkerung

In Ballungsräumen entwickelt sich unverbaute Landschaft zu einem knappen Gut. Die Revitalisierung schafft attraktive Erholungsräume für die Stadtbevölkerung. Beispielsweise bietet die revitalisierte Schüssinsel in Biel wertvollen Erholungsraum für die Bevölkerung. Dadurch verbessert sich die Lebensqualität der Menschen – sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer und ökologischer Hinsicht.

Stärkung der ökologischen Infrastruktur

Eine ökologische Infrastruktur besteht aus Kern- und Vernetzungsgebieten, die miteinander verbunden sind. Sie bildet die räumliche Basis für eine vielfältige und anpassungsfähige Biodiversität. Revitalisierungsprojekte tragen wesentlich zur Stärkung dieser ökologischen Infrastruktur bei und helfen, ein funktionierendes Netzwerk in der ganzen Schweiz aufzubauen. Allerdings benötigt eine funktionierende ökologische Infrastruktur rund 30% der Fläche, die gesichert werden sollte.

Fazit

Die Revitalisierung degradierter Gewässer und städtischer Brachflächen stellt zweifellos eine der wichtigsten ökologischen Aufgaben unserer Zeit dar. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Projekte weit mehr als nur Umweltschutzmassnahmen sind – sie fungieren als essentielle Brücken zwischen urbanem Wachstum und natürlichen Lebensräumen.

Die erschreckenden Zahlen zur Gewässerqualität und zum Artenverlust unterstreichen die Dringlichkeit solcher Initiativen. Tatsächlich zeigen die erfolgreichen Beispiele wie jenes von STIEBEL ELTRON, dass schon nach kurzer Zeit messbare Verbesserungen für die Biodiversität erreicht werden können. Besonders beeindruckend ist dabei die Vielfalt der Ansätze – von einfachen Instream-Massnahmen bis hin zu umfassenden städtebaulichen Transformationsprozessen.

Allerdings handelt es sich hierbei um eine Mehrgenerationenaufgabe, die Geduld und kontinuierliches Engagement erfordert. Deshalb ist die Beteiligung lokaler Akteure und Freiwilliger so wertvoll für den langfristigen Erfolg solcher Projekte.

Darüber hinaus profitieren nicht nur Flora und Fauna von revitalisierten Gebieten. Ebenso gewinnen wir Menschen attraktive Erholungsräume, verbesserten Hochwasserschutz und eine höhere Lebensqualität in urbanen Zentren. Diese Multifunktionalität macht Revitalisierungsprojekte zu einem unverzichtbaren Werkzeug für nachhaltige Stadtentwicklung.

Obwohl der Weg zu einer vollständigen Wiederherstellung unserer Gewässer und städtischen Naturräume noch lang ist, zeigen die bisherigen Erfolge deutlich: Jeder revitalisierte Meter zählt und trägt zur Stärkung unserer ökologischen Infrastruktur bei. Letztendlich liegt es an uns allen – Unternehmen, Behörden und Bürgern – gemeinsam dafür zu sorgen, dass diese wichtige Arbeit fortgesetzt wird, damit künftige Generationen in einer Umwelt leben können, die sowohl urbanes Wachstum als auch intakte Naturräume vereint.

FAQs

Q1. Was versteht man unter Revitalisierung im städtischen Kontext? Revitalisierung im städtischen Kontext bezeichnet die Umgestaltung und Aufwertung von vernachlässigten Stadtgebieten, historischen Bausubstanzen oder degradierten Naturräumen. Ziel ist es, diese Bereiche wieder nutzbar und attraktiv zu machen, wobei sowohl soziale, wirtschaftliche als auch ökologische Aspekte berücksichtigt werden.

Q2. Welche Vorteile bieten Revitalisierungsprojekte für Städte und ihre Bewohner? Revitalisierungsprojekte schaffen attraktive Erholungsräume für die Stadtbevölkerung, verbessern den Hochwasserschutz, fördern die Biodiversität und erhöhen insgesamt die Lebensqualität in urbanen Gebieten. Sie tragen auch zur Stärkung der ökologischen Infrastruktur bei und helfen, ein Gleichgewicht zwischen urbanem Wachstum und natürlichen Lebensräumen herzustellen.

Q3. Wie werden Gewässer in Städten revitalisiert? Gewässerrevitalisierung in Städten umfasst verschiedene Massnahmen wie die Einbringung von Wurzelstöcken, Faschinen und Totholz zur Schaffung von Strukturvielfalt. Auch die Einbringung von Kies für Laichplätze und die Wiederherstellung natürlicher Uferstrukturen gehören dazu. Diese Massnahmen fördern die Biodiversität und verbessern die ökologische Funktionsfähigkeit der Gewässer.

Q4. Welche Rolle spielen Freiwillige bei Revitalisierungsprojekten? Freiwillige und lokale Vereine spielen eine wichtige Rolle bei der Umsetzung von Revitalisierungsprojekten. Sie beteiligen sich oft an praktischen Massnahmen, überwachen die revitalisierten Abschnitte und tragen zur Akzeptanz der Projekte in der Bevölkerung bei. Ihre Arbeit ist besonders wertvoll für den langfristigen Erfolg und die Nachhaltigkeit solcher Initiativen.

Q5. Wie wirken sich Revitalisierungsprojekte auf die Biodiversität aus? Revitalisierungsprojekte haben einen positiven Einfluss auf die Biodiversität. Sie schaffen neue Lebensräume für verschiedene Tier- und Pflanzenarten und verbessern bestehende Ökosysteme. Studien zeigen, dass nach Revitalisierungsmassnahmen die Anzahl und Vielfalt von Arten, wie beispielsweise Fischen, deutlich zunehmen kann. Dies trägt zur Erhaltung und Förderung der lokalen und regionalen Biodiversität bei.